Schreiben ist nicht gleich schreiben

Kannst du dir eine Welt ohne Sprache, ohne Schrift vorstellen? Ich nicht. Ohne das Kulturgut Schreiben wäre unsere Wissensgesellschaft undenkbar. Doch dies ist nur ein Aspekt.

Ein halbes Leben lang arbeitete ich als Texter/Konzepter in der Kommunikationsbranche und wir alle wissen: Kommunikation braucht Sprache.

Schreiben ist jedoch weitaus mehr als das Bewahren von Wissen und Weitergeben von Information, mehr als ein Mittel der Kommunikation. Schreiben ist auch ein kreatives Ausdrucksmittel – in der Kunst und Kultur genauso wie im privaten Leben.

Schreiben ist immer auch Selbst- und Welterfahrung

Nicht zuletzt ist Schreiben immer auch ein möglicher Weg zu Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis und Selbstwirksamkeit. Auf diesem Weg begleite ich heute Menschen als Schreibmentor mit verschiedenen Schreibmethoden.


Versuchs doch mal mit Schreiben …

Schreiben lässt dich:

  • Ruhe finden, Druck abbauen, achtsam sein
  • Kreativität fördern, ausleben
  • Worte finden, wenn das Sprechen schwer fällt
  • Erinnerungen bewahren, neu bewerten
  • Gefühle wahrnehmen, verstehen
  • in Dialog kommen – mit dir selbst und mit anderen
  • Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten entdecken
  • Ideen und Lösungen finden
  • neue Perspektiven entdecken und Entwicklungsprozesse einleiten
  • neue Verhaltensweisen verankern
  • Sinnspuren im Leben finden

Funktionen des Schreibens

Der Linguist und Germanist Otto Ludwig (1931-2019) unterscheidet zwischen zwei Polen des Schreibens: einerseits das private Schreiben nur für sich selbst, andererseits das Schreiben, das auf ein Publikum ausgerichtet ist.

Dazwischen sieht er folgende Funktionen:

  • Entlastung: etwas aus sich herausschreiben
  • Denkwerkzeug: sich etwas bewusst machen, ein Thema gedanklich durchdringen und besser verstehen
  • operative Funktion: eine Lösung für ein Problem finden
  • Selbstkontakt: mit sich selbst in Dialog treten, sich – und nur sich selbst – etwas mitteilen, z.B. Tagebuch
  • präzise Formulierung: sich genauer ausdrücken können als in mündlicher Form
  • konzipierende Funktion: ein längerer Vortrag, ein Gespräch vorbereiten
  • konservierende Funktion: Verschriftlichung von Gedanken und Sachverhalten, um sie für später festzuhalten als Erinnerung, Abmachung, Vertrag
  • transferierende Funktion: Wissen für andere Menschen festhalten und mit ihnen teilen, z.B. in einem Buch
  • Kommunikation: strategisches Schreiben, um Leser und Leserinnen zu beeinflussen und zu überzeugen

Ich glaube zudem an die Kraft des Schreibens, wenn es darum geht, Visionen und neue Perspektiven zu entwickeln, Zukunft „vorwegzunehmen“, neues Verhalten in der Phantasie auszugestalten und zu verankern, ja sogar auf dem Papier „Zukunft“ auszuprobieren. Imagination und Visualisierung in Worten.

Die heilende Kraft des Schreibens

Dass das Schreiben auch eine heilende Wirkung haben kann, hat der Psychologe James W. Pennebaker in den 1980er Jahren herausgefunden. Seither wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen, dass das expressive Schreiben psychische und körperliche Heilungsprozesse in Gang setzen kann.

Daraus darf man meiner Meinung nach ableiten, dass Schreiben durchaus auch eine präventive Wirkung haben kann und zur Psychohygiene beiträgt. Schreiben wird dann zur Selbstfürsorge.

Nicht zuletzt ist Schreiben natürlich auch eine wunderbare Kunstform, in der etwas Ästhetisches, Schönes erschaffen wird und die Freude bereitet – den Schreibenden und den Lesenden.


Schreiben ist nicht gleich Schreiben: Ein Überblick

Kreatives Schreiben
In den USA ist «Creative writing» seit den 1940er Jahren eine Bewegung, die das Schreiben als Handwerk (und nicht als angeborenes Talent) sieht, das erlernbar ist. Kreatives Schreiben ist ein Überbegriff für viele Methoden, Techniken und Zugangsweisen zum Schreiben. Ursprünglich auf das literarische Schreiben bezogen, eignen sich die Methoden allerdings für alle folgende Arten des Schreibens.

Reflexives Schreiben (Schreibdenken)
Hier fungiert das Schreiben als Denkwerkzeug. Gedanken, Fragen und Antworten, Lösungen entwickeln sich im Schreiben. Wir vertiefen Themen, strukturieren sie und gewinnen Klarheit darüber. Es handelt sich um ein privates Schreiben, das nicht zur Veröffentlichung gedacht ist, jedoch die Grundlage sein kann für öffentliche Texte.

Intuitives, meditatives Schreiben
Kennzeichnend ist hier die meditative Haltung beim Schreiben. Wir überlassen uns ganz dem Fluss der Gedanken und Gefühle und schreiben – ohne zu bewerten und ohne innere Zensur –, was auftaucht: Schreiben aus dem Bauch heraus oder aus dem Herzen, spontan – ohne Regeln zu beachten.

Tagebuch-/Journal-Schreiben
Privates, regelmässiges Schreiben in verschiedenen Formen. Es gibt das rein chronologische oder das biografische Tagebuch. Reisetagebücher oder Dankbarkeits-Tagebücher usw.
Beim Journaling gehört noch etwas mehr als das blosse Aufzeichnen von Erlebnissen dazu: Die persönliche Stellungnahme dazu, Reflexionen, Gefühle und Gedanken zum Aufgezeichneten.

Biografisches Schreiben
Schreiben mit Blick auf die eigene Lebensgeschichte oder auch nur auf einzelne Lebensausschnitte (Memoirs). Dabei gibt es eine therapeutische Richtung, aber auch literarische Ansprüche. Oft ist es eine Kombination von beidem.

Sinnzentriertes Schreiben
Beim sinnzentrierten Schreiben wenden wir alle bisher genannten Methoden an: Wir lassen uns beispielsweise von Bildern oder anderen Texten inspirieren wie beim kreativen Schreiben oder nutzen Schreiben als Denkwerkzeug wie beim reflexiven Schreiben. Genauso können wir dabei intuitiv aus dem Bauch heraus schreiben und/oder uns meditativ aufs sinnzentrierte Schreiben einstimmen. Das regelmässige Schreiben im Tagebuch oder ein einem Entwicklungsjournal ist geradezu prädestiniert für das sinnzentrierte Schreiben und nicht zuletzt ist es immer ein biografisches Schreiben.

Sinnzentriert wird das Schreiben durch die Intention, über uns selbst hinaus zu denken und zu schreiben. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Erlebtem – nicht: Warum ist uns dies oder jenes passiert, sondern wozu? Schreibend fahnden wir nach Sinnmöglichkeiten in jeder einzelnen Lebenssituation und die wertorientierte Haltung, wenn wir Zukunft planen und Sinn verwirklichen wollen. Es geht nicht um das Kreisen um uns selbst und unsere Befindlichkeit, sondern das Ziel geht über uns hinaus, nicht um Selbstverwirklichung, sondern um Sinnverwirklichung im Leben.

Literarisches Schreiben
Schreiben nach ästhetischen und sprachlichen Kriterien, meist zur Veröffentlichung in einem Verlag, für eine Lesung, für ein Literaturfest, oder als Eingabe in einen Wettbewerb gedacht. Die Genres sind zahlreich: Erzählungen, Gedichte, Kurzgeschichten, Romane, Krimis, Science-Fiction, Fantasie und vieles mehr.

Berufliches Schreiben
Schreiben im und für den Beruf. Das Spektrum ist riesig, von der täglichen Korrespondenz bis zu Werbetexten, von Berichten über Dokumentationen bis zu Strategiepapieren. Die Leserinnen- und Leserorientierung ist bei diesen Textsorten zentral.

Wissenschaftliches Schreiben
Schreiben im Studium (Projektarbeiten, Abschlussarbeiten) oder im Rahmen einer wissenschaftlichen Karriere. Hier wird in einem komplexen Prozess viel Wissen verarbeitet und verständlich, logisch dargestellt. Regeln, Konventionen des jeweiligen Faches sind dabei zu berücksichtigen.

Und was bedeutet dir das Schreiben?

Schreib es hier in die Kommentare, wenn du magst.

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