Wer schreiben kann …

„Wer reden kann, macht Eindruck. Wer schreiben kann, macht Karriere“, so lautet der Titel eines wertvollen Schreibratgebers der Psychologin und Schreibberaterin Ulrike Scheuermann aus dem Jahre 2013. Im Untertitel nannte sie ihr Buch „Das Schreibfitnessprogramm für mehr Erfolg im Job“. Inzwischen fragen sich nicht nur (!) junge Menschen: „Warum soll ich noch selbst schreiben, wenn es ChatGPT & Co. gibt?“ Viele würden heute eher sagen: «Wer prompten kann, macht Eindruck und Karriere gleich dazu». Doch es steht mehr auf dem Spiel als nur die Karriere.

In der Tat übernehmen KI-Tools heute einen grossen Teil des Schreibens in Beruf und Studium: mit erstaunlichen Ergebnissen und unschlagbar schnell. Ginge es allein um Effizienz und Produktivität, könnten wir das Schreiben wohl ganz an die KI delegieren.

Doch es geht um mehr: Um den Denkprozess beim selbst Schreiben. Und das Denken dürfen wir nicht delegieren – an nichts und niemand.

Ulrike Scheuermann hat unter dem Begriff „Schreibdenken“ verschiedene bewährte Methoden aus der Schreibdidaktik zusammengefasst. Für mich und meine Arbeit prägend waren und sind bis heute die Schreibsprints.

Schon als Dozent für angehende Online-Redaktor*innen und eidg. dipl. Werbetexter*innen setzte ich den Gedanken- und den Fokussprint als effektive Methode ein, um ins Schreiben zu kommen, Schreibstaus zu überwinden oder Ideen zu entwickeln und Themen zu vertiefen. Einige meiner damaligen Student*innen sagten mir, dass diese Sprints zum Wertvollsten gehörten, was sie aus den Lehrgängen mit mir mitgenommen haben.

Die Zeiten haben sich verändert – ich mich auch

Berufliches und werberisches Schreiben unterrichte ich heute nur noch selten. KI ist omnipräsent und kann – mit Bedacht eingesetzt – durchaus hilfreich sein beim Schreiben und uns unterstützen, Ideen anzustossen.

Die Tools können schnell und für uns sehr bequem Texte strukturieren, kürzen und vereinfachen, stilistisch auf die Adressaten ausrichten, zu viele Adjektive, Passivformen oder Substantivierung vermeiden. Einige Mängel, auf die ich damals in Workshops für berufliches Schreiben hinwies, kann KI heute durchaus eliminieren. – Wenn denn ein Mensch mit Sprachgefühl ihr sagt, sie soll.

Was auf dem Spiel steht …

Manchmal befürchte ich, dass wir bald nicht mehr zwischen KI-generierten und von Menschen geschriebenen Texten unterscheiden können. Nicht weil die KI-Tools immer besser werden, sondern weil wir uns an diese Sprache gewöhnen und die zunehmende Menge an KI-Texten unsere eigene Ausdrucksweise mehr und mehr verändert.

Horrorszenario: Die KI ahmt nicht mehr menschliche Sprache nach, sondern wir Menschen sprechen und schreiben selbst wie KI. Und wie ist das mit dem Denken? Der KI-Spezialist Roger Basler de Roca schreibt in seinem LinkedIn-Newsletter dazu:“Wer denken auslagert, verlernt es.“ Die Links zu zwei seiner lesenswerten Artikeln findest du am Schluss dieses Beitrages.

Mein Vorschlag als Schreibmentor: Im Geschäftsalltag und – noch wichtiger – in Schulen KI-freie Lern-, Denk- und Schreibphasen integrieren und das Schreibdenken etablieren. Am besten mit Stift und Papier. Allein schon deshalb, damit wir die Fähigkeit behalten, KI-Output kritisch zu beurteilen.

Mehr über die Basics und Vorteile des Schreibdenkens als effektives Denk- und Lernwerkzeug erfährst du in meinem Beitrag „Schreib(denk)en in Zeiten der KI“.


Links zum Thema


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Schreiben als Selbstcoaching, Kreativ-reflexives Schreiben oder Sinnzentriertes Schreiben: Da wird dir KI kaum sinnvolle Antworten bieten. Die Maschine ist künstlich, du als Mensch bist intelligent. Hier findest du die Termine meiner aktuellen Workshops auf einen Blick.

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