Schreib(denk)en in Zeiten der KI

Warum noch selbst schreiben, wenn es KI gibt?

Chatbots wie ChatGPT sind zweifellos nützliche Hilfsmittel beim Verfassen von Texten. Und sie sind unschlagbar schnell. Warum sollten wir also noch selbst schreiben in Zeiten der KI? – Das Ergebnis mag ja ganz passabel sein. Doch etwas Entscheidendes fehlt uns, wenn wir das Schreiben gänzlich an die KI delegieren: der Schreibprozess und damit das Selbst-Denken. Denn Schreiben ist Denken, und dies sollten wir nicht opfern, nur um Zeit zu gewinnen. Ein kurzes Plädoyer für das Schreibdenken als wichtige Ergänzung zu ChatGPT & Co.

Dass Schreiben Denken ist, stützt auch die Neurowissenschaft: Es bilden sich beim Schreiben neuronale Verbindungen, die für Abstraktion und langfristiges Erinnern entscheidend sind. Vor allem wer von Hand schreibt, aktiviert Gehirnregionen, die tiefes Lernen und das Denken in Konzepten ermöglichen.

Dr. Giorgio Iemmolo, Direktor des Sprachenzentrums der ETH und Universität Zürich (Netzwoche, 5.10.2025)

KI-Tools sind als nützliche Werkzeuge nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Zu lernen, mit ihnen umzugehen und sie mit Bedacht als Hilfsmittel einzusetzen, ist unbestritten wichtig.

KI schreibt zwar erstaunlich clever und effizient – doch denken können nur wir. Und kritische Stimmen warnen davor, dass durch die Verwendung von KI-Tools die Menschen das eigenständige Denken zunehmend verlernen. (Siehe dazu den Beitrag von Roger Basler de Roca – Link am Ende des Artikels.)

Mein Vorschlag: Immer wieder KI-freie Lern- und Schreibphasen in den modernen Unterrichts- und Geschäftsalltag integrieren und die Methoden des Schreibdenkens etablieren.


Schreiben als effektives Denk- und Lernwerkzeug nutzen

Die Bezeichnung «Schreibdenken» stammt von der Psychologin und Schreibberaterin Ulrike Scheuermann. Sie hat unter diesem Begriff verschiedene bewährte Methoden aus der Schreibdidaktik zusammengefasst und teilweise weiterentwickelt.

Den Nutzen des Schreibdenkens bringt sie so auf den Punkt:

Mit Schreibdenken lässt es sich besser denken, schreiben, lernen, lehren und durch den beruflichen Alltag navigieren.

Schreibdenken ist eine schriftliche Denk- und Lernmethode, die hilft, sich nach innen zu wenden und dort konzentriert an die eigene Gedanken- und Gefühlswelt anzuknüpfen. Es ist inspirierend, bringt neue Perspektiven und eigene Lösungen hervor und fördert die eigene Schreibkompetenz. Und das Wichtigste: Schreibdenken macht Spass!


So geht Schreibdenken

Ich bevorzuge den Begriff «Schreibdenken» gegenüber dem vergleichbaren Freewriting oder Mindwriting, weil er meiner Meinung nach den Prozess so treffend beschreibt: Wir denken auf dem Papier, schreibend.

Basics des Schreibdenkens

  • Bei dieser Methode geht es darum, durch schnelles Schreiben ohne Zurücklesen, ohne zu korrigieren und ohne zu bewerten im Schreib- und Gedankenfluss zu bleiben. Das erweitert unser Bewusstsein und bricht die oft engen Bahnen unseres Denkens auf.
  • Auf das möglichst unzensierten Schreibdenken folgt immer eine Auswertung, Reflexion oder Verdichtung der festgehaltenen Gedanken.
  • Unmittelbar nach dem meist kurzen Schreiben lesen wir das Geschriebene durch, markieren Wichtiges, reflektieren es und erarbeiten eine Essenz bzw. Kernaussage. Diese kann später weiterverfolgt werden, am besten wieder schreibend.

Die Vorteile des Schreibdenkens im Überblick:

  • Denkprozesse anregen, strukturieren, vertiefen
  • Komplexe Zusammenhänge fassbar machen und besser verstehen
  • Gedanken in eigene Worte fassen, freies Denken und Argumentieren trainieren
  • frei assoziieren, eigene Ideen sammeln, ausformulieren und weiterentwickeln
  • Wissen aneignen und festigen und langfristig erinnern
  • emotionale, Sach- und Metaebene miteinander verbinden
  • Selbstreflexion, sich selbst und andere besser verstehen
  • Ideales «Journaling»-Tool mit vielen Techniken

Einige Schreibdenk-Techniken

Gedanken- und Fokussprint: Du schreibst ca. 5 Minuten lang so schnell wie möglich alle Gedanken und Gefühle auf, die dich gerade jetzt beschäftigen (= Gedankensprint). Beim Fokussprint konzentrieren wir uns auf ein bestimmtes Thema oder auf eine Frage. Unmittelbar danach lesen wir das Geschriebene, markieren wichtige Stellen und formulieren einen Kernsatz, die Essenz.

Schreibstaffel: Der Kernsatz eines Fokussprints wird zum Thema/Titel eines weiteren Fokussprints. Dieser Vorgang wiederholst du mehrmals, bis das Thema immer klarer wird. Diese Methode eignet sich besonders gut, für komplexe oder vage Fragestellungen, um ein Thema einzugrenzen oder es mehr und mehr zu vertiefen.

Seriensprint: Du beginnst immer mit dem gleichen Satzanfang und schreibst den Satz jeweils anders fertig (z.B. «Mir geht es gut, wenn …» oder «Ich traue mir zu, dass …»). Die Sätze sollen kurz sein, so dass du in 5 Minuten 5 bis 10 Sätze schaffst. Die Wiederholung des Satzanfangs entwickelt oft eine besondere Kraft und kann die Wirkung eines Mantras erreichen.

Willst du Schreibdenken kennenlernen und selbst ausprobieren? Meine Workshops und Seminare beginnen wir fast immer mit einem Gedankensprint – um den Kopf zu leeren und ins Schreiben zu kommen.

Interessiert? – Dann schreibe mir eine E-Mail.

Links

Zum erwähnten Beitrag auf der Netzwoche.

Roger Basler de Roca: „Der kognitive Graben: Wenn KI mehr versteht als wir“

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